Die Augustinusregel gilt als die älteste Ordensregel des
Abendlandes und ist Vorbild für viele andere bekannte Ordensregeln (z. B.
Benediktsregel). Ihr Verfasser ist der lateinische Kirchenvater und Bischof
Augustinus von Hippo (354 - 430). In dieser Regel sah der heilige Norbert von
Xanten die Lebensweise der Apostel und das urkirchliche Ideal der
geschwisterlichen Liebe, verbunden mit dem Leben in Armut, Ehelosigkeit und
Gehorsam, am besten verwirklicht.
1. Das Miteinander im Kloster erfordert die Bereitschaft,
Unterschiede zwischen den Mitbrüdern zu akzeptieren. Gemeinschaft ist keine
Gleichmacherei: "Jedem soll das gegeben werden, was er braucht, aber nicht
jedem in gleicher Weise, weil ihr nicht alle gleich seid."
2. Klosterleben ist keine Leistung, sie entspringt der Gnade. Deshalb darf sich
niemand etwas auf seinen klösterlichen Stand einbilden, weder weil jemand einen
sozialen Aufstieg erfährt noch weil jemand auf eine bessere Lebensqualität
verzichtet.
3. Gemeinschaft verlangt, das Gemeinsame über das Eigene zu stellen und nicht
zuerst auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein. Daraus ergibt sich das Ideal
der Gütergemeinschaft, das sich auf alle Lebensbereiche erstreckt (Nahrung,
Einkommen, Kleidung, Bildung ...).
4. Leben in Gemeinschaft ist nicht möglich ohne die Haltung der Vergebung:
"Im Hinblick auf euer Beten müsst ihr einander vergeben, gerade weil ihr
oft betet." Für Augustinus ist die Vergebung ein wesentliches Kriterium
des Zusammenlebens: "Wenn einer nicht bereit ist zu vergeben oder um
Vergebung zu bitten, so ist er ohne Recht in der Gemeinschaft, auch wenn man
ihn nicht ausstößt."
5. Großen Wert legt Augustinus auf die brüderliche Zurechtweisung. Sie ist für
ihn ein Mittel für die innere Gesundheit einer Gemeinschaft. Wer auf diese
Zurechtweisung verzichtet, gleicht einem Arzt, der einem Kranken die Heilung
einer Wunde verweigert.
6. Die Aufgabe des Oberen wird charakterisiert durch die Haltung des Gehorsams
im doppelten Sinn. Einerseits erfordert die Rolle des Oberen den Gehorsam der
Mitbrüder, andererseits gehört es zur Pflicht des Oberen, seine Entscheidungen
aus dem Hinhören auf Gott und die Mitbrüder zu treffen.
Augustinus versteht seine Regel als einen Spiegel, der den Mitbrüdern immer
wieder die Gelegenheit gibt, ihr eigenes Leben zu überprüfen und an der Regel
auszurichten.