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Seelsorge im Priesterteam

Pater Gilbert Andreas Kraus o.praem.

Ich bin 1950 in Steingaden geboren. Da mein Vater als Eisenbahner nach Schongau versetzt wurde, wuchs ich von Anfang an in Schongau auf. Ich besuchte die dortige Realschule und wechselte nach der Mittleren Reife, da ich Priester werden wollte, in das Spätberufenenseminar St. Josef in Fockenfeld bei Waldsassen/Opf. 1973 machte ich Abitur und trat in das Priesterseminar Augsburg ein.
 
Da ich von klein auf Priester werden wollte, trat ich 1962 der KIM-Bewegung bei, einer Jugendaktion der Oblaten des Hl. Franz von Sales für Geistliche Berufe, die von P. Hubert Leeb in Ingolstadt geleitet wurde. Dieser Jugendbewegung verdanke ich gewiss, dass ich meine Berufung zum Priester vertiefen und bewahren konnte. Zusammen mit anderen Jungen, die sich für den Priesterberuf begeistern ließen, bildeten wir in Schongau eine „Bibelzelle", um uns in unserem Berufsideal gegenseitig zu stützen und als bewusste Christen nach dem Evangelium zu leben suchen.
 
Meine Eltern waren gläubige und in der Pfarrgemeinde aktive Katholiken. Als Bub wählte ich sehr früh den „klassischen" Weg der kirchlichen Laufbahn: Ministrant nach der Erstkommunion, Gruppenleiter, Oberministrant. Ich war Mitglied bei den kath. St.-Georgs-Pfadfindern und ebenfalls als Gruppenleiter engagiert.
 
Während meiner Studienzeit der Theologie im Priesterseminar in Augsburg (1973-1979) war ich sehr stark im „Offenen Seminar Augsburg" engagiert. Zusammen mit Freunden, Mitstudenten, entwickelte sich im Offenen Seminar eine Gruppe, die auf der Suche nach einer Lebensform für eine Priestergemeinschaft war, wie sie vom 2. Vatikanischen Konzil auch für Weltpriester empfohlen wurde.
 
In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war nach dem Konzil das Priesterbild in einer Krise: die zölibatäre Lebensform wurde heftig diskutiert, Priester verließen ihr Amt und heirateten, der Einzelkämpfer alter Schule stand in Frage, gemeinsames Leben und Arbeiten wurde als erstrebenswertes Ziel anvisiert. Junge Kapläne fanden sich im Bistum zu Priestergemeinschaften zusammen.
 
Besonders in Frankreich, in Paris, bildeten sich Priestergemeinschaften, Taizè war damals ein Anziehungspunkt und Impulsgeber für viele Jugendliche. Säkularinstitute entstanden, die Fokolarbewegung wurde im Bistum von Bischof Stimpfle sehr gefördert, eine Priestergemeinschaft dieser Bewegung entstand im Bistum, die Priestergemeinschaft von Charles de Foucauld entstand, Priester schlossen sich zu Gruppen zusammen, es war vieles in Bewegung und auf der Suche, so auch wir. Das Oratorium des Philipp Neri interessierte uns insbesondere, wir nahmen Kontakt auf und besuchten informationshalber das Oratorium in München und Heidelberg. Klemens Tilmann war unser Ansprechpartner. Allerdings empfanden wir das Oratorium als zu intellektuell und als zu lose, auch in der gemeinsamen Liturgie. Aber es hätte den nötigen Freiraum geboten, unsere Ideen zu verwirklichen.
 
Zunächst entwickelte sich die Idee einer Priestergemeinschaft in St. Moritz in Augsburg. City-Seelsorge, verbunden mit festen Gebetszeiten in dieser Stadtmittelpunktskirche, war unser Anliegen. Wir trugen unsere Überlegungen Bischof Stimpfle vor, was er aber mit dem Hinweis auf zu viele Priester in der Stadt ablehnte. Er sah damals die Notwendigkeit von City-Seelsorge nicht und wollte nicht eine Gruppe von jungen Priestern an dieser Kirche gebunden wissen. Allerdings fand er den Gedanken von Priestergemeinschaft durchaus für richtig und wichtig und gab uns den Hinweis, in das säkularisierte Kloster Roggenburg zu gehen.
 
Dort war 1976 das 850. Gründungsjubiläum des ehemaligen Reichsstifts der Prämonstratenser gefeiert worden und den Verantwortlichen aus Politik und Kirche war bewusst, dass die bisherige Nutzung des Klostergebäudes sich verändern würde. Die Heimatvertriebenen, die nach dem 2. Weltkrieg in das Kloster einzogen, suchten sich zunehmend angenehmere Wohnsituationen, mit Etagenklo und ohne Bad war niemand mehr einverstanden. Das Altersheim und die Haushaltungsschule im Klostergebäude/Westtrakt, die seit dem 19. Jahrhundert von Dillinger Franziskanerinnen geleitet wurden, waren geschlossen worden, der Konvent der Ordensfrauen war abgezogen. Für den Westtrakt des Klosters, das ehemalige Reichsstiftsgebäude, hatte Landrat Schick vom Landkreis Neu-Ulm die Gemeinde gewinnen können und mit dem Freistaat Bayern als Eigentümer einen Vertrag über den Einbau einer Grund- und Teilhauptschule und der Gemeindeverwaltung abgeschlossen. Aber was sollte mit dem ehemaligen Konventtrakt geschehen? Am besten eine kirchliche Nutzung, der Prämonstratenser-Orden solle zurückkehren! Bischof Stimpfle fragte den Orden an, bekam aber Absagen.
 
So schickte er uns 1976 nach Roggenburg, damit wir uns das Haus anschauen sollten. Dort auf dem Land könne er sich eine Priestergemeinschaft sehr gut vorstellen, die die Seelsorge der umliegenden Pfarrgemeinden vom Kloster aus bewerkstelligen könnte. Wir fuhren also nach Roggenburg, besuchten den Pfarrer, der im Kloster wohnte und den Schulleiter, der ebenfalls im Kloster wohnte, einer seiner Söhne war auch auf Seminare in Seifriedsberg gewesen, wir kannten ihn gut. Der Zustand des Hauses Außen und Innen erschreckte uns. In solch einem Gebäude leben - nein danke, war unsere Meinung. So fuhren wir ab und verwarfen den Gedanken.
 
In den folgenden Jahren wurde es für unsere Gemeinschaft durch die Priesterweihen und Versetzungen zunehmend schwierig sich regelmäßig zu treffen. 1979 wurde ich zum Priester geweiht und nach Pfaffenhofen a. d. Ilm versetzt, weit weg von Augsburg und den Freunden. Die Mitarbeit im Offenen Seminar war kaum mehr möglich, die Idee und die Gemeinschaft versandeten.
 
1980 im August war ich zum ersten Mal in meinem Urlaub wieder länger zu Hause bei meinen Eltern in Schongau. Da ich in Steingaden geboren bin und die Gewohnheit hatte, wenigstens einmal im Jahr die dortige ehemalige Klosterkirche zu besuchen, fuhr ich auch jetzt wieder nach Steingaden. Oft besuchte ich auch den dortigen Pfarrer zu einer Tasse Kaffee und einem freundlichen Plausch.
In der Kirche lag ganz neu ein Heftchen auf: „Der Hl. Norbert und die Prämonstratenser" von unserem Mitbruder P. Ludger Horstkötter aus der Abtei St. Johann in Duisburg-Hamborn. Schon oft hatte ich mir gedacht die Geschichte des Hl. Norbert zu lesen, um die Deckenfresken der Steingadener Klosterkirche und ihre Bedeutung besser verstehen zu können. Als ich bei der letzten Seite angekommen war, war zu lesen, wie Heute der Orden versucht zu leben, wie er Gemeinschaft, Geistliches Leben und aktive Seelsorge in eins zu bringen sucht.
Ich schlug das Heftchen zu und wusste augenblicklich, dass dies mein Weg war: Teamseelsorge in einem modernen Orden mit jahrhundertealter Tradition. Warum hatte ich die Prämonstratenser nicht schon früher kennengelernt? Ganz einfach: Er war in Bayern unbekannt, lebte unauffällig in der Abtei Windberg in Niederbayern und vermied es tunlichst auf sich aufmerksam zu machen!
 
Mein erster Schritt war nach Augsburg in die Bibliotheken: was konnte ich über den Prämonstratenser-Orden finden? 1981 waren dies lediglich ein Lexikon-Artikel im LThK, das Büchlein von P. Ludger Horstkötter, das ich in Steingaden gelesen hatte, ein vergriffenes Büchlein von P. Augustinus Huber (Stift Tepl), das vorkonziliar und veraltet war und sonst ein paar historische Abhandlungen in Kirchengeschichtsbüchern. Nicht gerade sehr ermutigend. So entschloß ich mich in die Abtei Windberg zu fahren und mir dort persönlich ein Bild vom Prämonstratenser-Orden zu machen. Was ich vorfand, sprach mich sehr an und begeisterte mich. Es waren 12 Prämonstratenser-Chorherren, eine Gemeinschaft, der man nichts „chorherrliches" ansah, frohe und offene Menschen. Mir gefiel die Gemeinschaft, das Chorgebet, ihr Verständnis von Seelsorge und Ordensleben. Ich empfand es als eine gelungene Art Seelsorger zu sein, in einer Gemeinschaft zu leben und ein gemeinsames geistliches Leben führen zu können. Es war das, was ich mir für mich vorgestellt hatte.
 
Nachdem mein Entschluss fest stand, besuchte ich Bischof Stimpfle und besprach mit ihm meine Situation und innere Entscheidung. Bischof Stimpfle wies meine Gedanken nicht von sich. Er bat mich, mich ernsthaft zu prüfen und die Kaplanszeit mit dem Cura-Examen zu beschließen. Abschließend meinte er: „Wenn er schon einen Priester zu den Prämonstratensern gehen lasse, sollte ich in der Abtei Windberg nachfragen, ob die Prämonstratenser nicht nach Roggenburg zurückkommen wollten!" Damit war der Bogen geschlagen zu seinem Bemühen, den Orden in das Bistum nach Roggenburg zurückzuholen!
 
1981 versetzte mich der Generalvikar noch als Stadtkaplan nach Neu-Ulm, „in die Nähe Roggenburgs", wie er sagte, nachdem mein Entschluss in den Orden einzutreten bekannt geworden war. Es gab einige heftige ablehnende Reaktionen von Priestern, mit denen ich mich bisher gut verstanden hatte, mein Freundeskreis reagierte ebenfalls sehr unterschiedlich: von ebenfalls interessiert und befürwortend bis ablehnend.
 
1982 wurde ich in der Abtei Windberg eingekleidet, 1983 legte ich die zeitlichen, 1986 die ewigen Gelübde ab.
 
Die Gespräche mit der Abtei Windberg verliefen 1981/82 positiv. Nach Gesprächen mit Bischof Stimpfle und seiner Zusage, eine Neugründung in Roggenburg großzügig zu unterstützen, folgte 1982 die Übernahme der Pfarrei Roggenburg und der Einzug der ersten beiden Prämonstratenser in die Pfarr-Räume.
 
1981 war bereits P. Konrad Gomm in Windberg eingetreten, von 1983 an folgten weitere Eintritte in die Abtei Windberg. Inzwischen ist die Abtei Windberg auf 32 Mitglieder angewachsen, 14 davon leben in Roggenburg, einer unserer Schwaben ist Abt von Windberg geworden [Stand 2008].